
"Die Kuranstalten liegen im Westend, der von baumreichen Alleen durchzogenen, im Villenstil mit großen Gärten und Parkanlagen bebauten Gartenstadt Charlottenburgs. Trotz der Nähe Berlins - in 20 Minuten ist mit Untergrund-, mit Stadt- oder Straßenbahn das Zentrum der Großstadt zu erreichen - bietet Westend nahezu die Annehmlichkeiten eines Landaufenthaltes. Liegt es doch auf dem höchsten Punkt Groß-Berlins - dem breiten Rücken des sogenannten Spandauer Berges - und hängt nur ostwärts mit der Stadt zusammen. So haben die über die märkischen Forsten und die in einer halben Stunde erreichbaren großen Havelseen herstreichenden, erfrischenden Luftströmungen - weitaus herrschen West- und Südwestwinde vor - freien Zutritt. Die Luft ist daher ungewöhnlich rein, auch an heißen Sommertagen, die Temperatur nie so hoch wie in der Stadt, die Abende sind erfrischend kühl..."
Mit diesen Worten wirbt eine historische Patientenbroschüre für "Dr. Weilers Kurhaus Westend für Nervenleidende, Stoffwechselkranke und Erholungsbedürftige", der auf unserem Campus ursprünglich angesiedelten Nervenklinik.
Die Psychiatrische Klinik wurde bereits 1887, lange vor Gründung der West-Berliner Freien Universität, als "Privat-Irrenanstalt" im vornehmen westlichen Charlottenburg gegründet. Nach der Erweiterung durch das 1910 im französischen Landhausstil erbaute Kurhaus gingen aus ihr die "Kuranstalten Westend" hervor. Das Behandlungsfeld der Kuranstalten umfasste damals nicht allein psychiatrische Leiden im engeren Sinne, sondern die Therapie von Nervenleiden, Stoffwechselkrankheiten und Erschöpfungszuständen sowie Entziehungskuren für Morphium-, Kokain- und Alkoholabhängige. Hans Fallada, einer der Patienten der Kuranstalten Westend hat in seinem Roman "Der Trinker" seine Eindrücke in dieser Klinik festgehalten. 1952 wurden die Kuranstalten schließlich von der vier Jahre zuvor gegründeten Freien Universität übernommen und zur Psychiatrischen Klinik und Poliklinik umgewidmet.
Bekannte Ärzte waren an der Berliner Klinik tätig. Der langjährige Eigentümer und leitende Arzt Dr. Schlomer schrieb 1916 einen damals bekannten "Leitfaden der klinischen Psychiatrie". Dr. von Gebsattel wirkte hier in den zwanziger Jahren und wurde nach dem Krieg Professor für anthropologische Medizin in Würzburg. Auch Dr. Zutt leitete die Kuranstalten Westend in den dreißiger Jahren und wurde nach dem Krieg mit der Übernahme des psychiatrischen Lehrstuhls an der Universtät Frankfurt einer der wichtigsten Vertreter der anthropologischen Psychiatrie. 1949 wurde Professor Selbach aus Marburg als erster Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Neurologie an die gerade begründete Freie Universität Berlin berufen. Damit begann die dynamische Entwicklung der Klinik zu einer differenzierten und leistungsfähigen Universitätsklinik. Sehr früh, nämlich bereits 1953 wurde an der Berliner Klinik Chlorpromazin klinisch angewendet, kurz nach der Erstbeschreibung der neuroleptischen Wirkung der Substanz durch Delay und Deniker (1952). 1967 wurde an der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität erstmals ein Lehrstuhl sowie ein Institut für Neuropsychopharmakologie eingerichtet. Die zunehmende wissenschaftliche und klinisch-praktische Differenzierung fand im weiteren Verlauf nicht nur in der Trennung der Klinik in die psychiatrische und die neurologische Abteilung, sondern auch in der Einrichtung selbständiger Abteilungen für Psychophysiologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Gerontopsychiatrie, Sozialpsychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, psychotherapeutische Studentenberatung sowie der Zuordnung des Instituts für Forensische Psychiatrie ihren Ausdruck. Mitte der 70er Jahre erreichte die Psychiatrische Klinik der Freien Universität mit insgesamt 9 Abteilungen in 2 wissenschaftlichen Einrichtungen innerhalb eines damals eigenständigen Fachbereichs Nervenklinische Medizin den Höhepunkt ihrer Ausdifferenzierung. Als Nachfolger von Prof. Selbach wurde 1968 Prof. Hippius an die Klinik berufen. Nach dessen Fortgang nach München folgte ihm Prof. Helmchen 1971 auf den Lehrstuhl. Fast 30 Jahre lang leitete Prof. Helmchen bis zu seiner Emeritierung 1999 die Klinik. Die Klinik wird heute von Frau Professor Isabella Heuser geleitet, die im April 2001 den Lehrstuhl für Psychiatrie der Freien Universität Berlin übernahm. Seit dem 1. Juni 2003, nach dem Zusammenschluss der beiden Berliner Universitätsklinika Benjamin Franklin und Charité heißt unsere Klinik offiziell "Charité -Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin, Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie".
Seit ihrem Bestehen hat sich die Psychiatrische Klinik einer patientenbezogenen Forschung verschrieben, die sich als Verknüpfungsfeld biologisch-psychiatrischer Grundlagenforschung und psychiatrischer Therapieforschung versteht und ihre Fragestellungen aus den diagnostischen prognostischen und therapeutischen Problemen des einzelnen Patienten bezieht. Die in der Grundlagenforschung erarbeiteten Ergebnisse sollen wieder in die Klinik zurückübersetzt werden und den Patienten zugute kommen. Die Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie ist ein Ort, an dem sich ein von akademischem Geist beflügeltes wissenschaftliches Arbeitsklima, eine moderne und differenzierte, patientennahe Krankenversorgung, ein lebendiger Lehrbetrieb sowie eine fruchtbare und stimulierende Arbeitsatmosphäre verbinden.