Die Bezeichnung "Borderline" hat eine wechselvolle, wenn auch kurze Geschichte hinter sich. Trotz seines Status als einer offiziellen diagnostischen Einheit (erstmals in der weltweit anerkannten DSM-III-Nomenklatur Anfang der 80erJahre) ist seine Benutzung als formale syndromale Kennzeichnung bis heute nicht unumstritten. In seiner strengen linguistischen Bedeutung vermittelt der Begriff "Borderline" einen mittleren Schweregrad entweder eines Persönlichkeitsfunktionsniveaus oder einer strukturellen Organisation. Insgesamt beinhaltet der Begriff Borderline ein instabiles Verhaltensmuster, das sehr unterschiedliche Merkmale zum Ausdruck bringt. Jahrzehntelang galt die Borderline-Störung als psychische Erkrankung, die an der Grenze zwischen neurotischen und psychotischen Störungen anzusiedeln war. Erst mit der Verbesserung der Diagnostik wird sie als abgrenzbare spezifische Störung anerkannt. Bei der Diagnose einer Borderline-Störung erfolgt die Orientierung an den Kriterien aus dem DSM-IV, dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen:
Das Verhaltensmuster bei der Borderline-Störung konnte bisher überall in der Welt gefunden werden. Das Auftreten der Borderline-Störung wird auf ca. 2% in der Allgemeinbevölkerung, auf ca. 10% bei ambulanten und ca. 20% bei stationären psychiatrischen Patienten geschätzt. In klinischen Populationen mit Persönlichkeitsstörungen liegt sie im Bereich von 30-60%. Die Erkrankung wird überwiegend (75%) bei Frauen diagnostiziert, und die Prävalenz wird in den USA mit 1.0 bis 1,8% angegeben. Auffallend sind eine hohe Suizidrate von 5-10% und eine Selbstverletzungsrate von 69-80%. Das höchste Suizidrisiko liegt zwischen dem 20.-30. Lebensjahr. In der Mehrzahl sind Frauen betroffen (70-77%). Es besteht eine hohe Komorbidität zu anderen Störungen, z.B. affektive Erkrankungen (81-100%), Angsterkrankungen/PTSD (24-81%), Substanzmissbrauch (21-67%), Essstörungen (14%). Neuere Untersuchungen zeigen jedoch auch, dass die Borderline-Störung langfristig gesehen (auf einen Zeitraum von 5-10 Jahren) eine eher gute Prognose hat, was u.a. auf einen deutlichen Rückgang der Impulsivität zurückzuführen ist.
Bei der Diagnose einer Borderline-Störung finden sich in mindestens 70% der Fälle frühe chronische Traumata wie sexueller Missbrauch und/oder emotionale Vernachlässigung. Außerdem prä- und postnatal eine Häufung neurologischer Erkrankungen und körperlicher Schädigungen. Bei einer Borderline-Störung liegen ausgeprägte Störungsmuster auf mehreren Ebenen vor. Zum Beispiel:
Auf neurobiologischer Ebene finden sich Störungen der Emotionsregulierung im limbischen Hirnsystem sowie eine erhöhte Dissoziationsneigung. Hierzu gehören: rasch einschießende Affekte, eine starke Auslenkung der Affekte, eine langsame Rückbildung, ein hohes Grunderregungsniveau, Flashbacks, szenische Halluzinationen, Gedankenlautwerden und eine ausgeprägte Dissoziationsneigung.
Hierzu gehören sehr ausgeprägte schuld- und schambesetzte Grundannahmen, die in sich resistent bleiben, retraumatisierenden Erfahrungen unterliegen und somit immer wieder aktiviert werden können.
Hierzu gehören suizidale Handlungen, Selbstverletzung, aggressive Durchbrüche, schambesetzte Meidung und Hochrisikoverhalten.
Der Therapieansatz der DBT entspricht den Kriterien, die heute an eine moderne Psychotherapie gestellt werden:
Die DBT stellt ein Behandlungskonzept dar, das ursprünglich Anfang der 90er Jahre von Prof. Marsha M. Linehan in Seattle/USA für die ambulante Psychotherapie chronisch-parasuizidaler Frauen mit der Diagnose einer Borderline-Störung entwickelt wurde.
Der DBT-Therapieansatz ist mittlerweile in vielen Ländern (England, Italien, usw.) und auf verschiedenen Kontinenten (Amerika, Asien, Europa) verbreitet. Er wurde in den letzten Jahren an verschiedene Versorgungserfordernisse angepasst: an stationäre und teilstationäre Behandlungskonzepte, an modifizierte Konzepte für Adoleszente (DBT-A), an drogenabhängige und essgestörte Patienten mit einer Borderline-Störung.
Im deutschsprachigen Raum ist in den 90er Jahren die DBT vom Forschungsteam der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Freiburg (Ltg. PD Dr. M. Bohus) für die stationäre klinische Behandlung adaptiert worden. Über die Fortbildungseinrichtung der Arbeitsgemeinschaft für Wissenschaftliche Psychotherapie (s. AWP/ Freiburg und Berlin, Ltg. PD Dr. M. Bohus) und durch das regelmäßige bundesweite Netzwerktreffen hat der DBT-Therapieansatz mittlerweile in vielen klinischen und sozialtherapeutischen Einrichtungen innerhalb der einzelnen Bundesländern Eingang gefunden.
Der Dialektisch-Behaviorale Therapieansatz wird geleitet von dem zentralen Gedanken der affektiven Dysregulation als dem Kernproblem der Borderline-Störung. Entsprechend steht die Bearbeitung dysfunktionaler Problemlösemuster zur Affektregulation wie z.B. suizidale Handlungen, selbstschädigendes Verhalten und Dissoziationen, im Blickpunkt der Aufmerksamkeit. Danach lässt sich die Entstehung einer Borderline-Störung als ein Zusammenwirken von sozialen Faktoren wie frühe Traumatisierung und Vernachlässigung auf der einen Seite und aus neurophysiologischen Dispositionsfaktoren wie affektive Vulnerabilität auf der anderen Seite erklären.
Linehan arbeitete ursprünglich vor allem mit suizidalen Patientinnen. Von der Verhaltenstherapie herkommend wurden zunächst ausschließlich kognitiv-behaviorale Verfahren angewandt, was sich als wenig wirksam erwies, da sie der Komplexität der Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht gerecht wurden. Außerdem war evident, dass suizidale und Borderline-Muster affektive dysfunktionale Problemlösemuster darstellen. Somit sah sie sich mit ihrem Forschungsteam vor die Herausforderung eines zu erweiternden Behandlungsmodells gestellt. Mit der Dialektisch-Behavioralen Therapie wurde ein komplexer Therapieansatz begründet, der kognitiv-behaviorale Interventionen (Skills-Training, kognitive Umstrukturierung, Expositionstraining, Kontingenzmanagement, Verhaltensanalyse) mit östlichen Meditationspraktiken verbindet (Achtsamkeit) und dabei auch humanistische und psychodynamische Therapieaspekte integriert, verbunden mit Gestalt- und mit paradoxen Strategien. Die zentrale Grundidee in dem Dialektisch-Behavioralen Therapieansatz ist die Dialektik. Sie bedeutet, dass der Therapeut auf die Regung der Patientin aufmerksam zwischen den Polen der Akzeptanz und der Veränderung reagiert. Mit Hilfe der dialektischen Strategien selbst oder der dialektischen Bewegung zwischen den Akzeptanz- und Änderungsstrategien kann somit eine Atmosphäre für Veränderung entstehen.
Das Entstehungsmodell in der DBT basiert auf der biosozialen Lerntheorie von Theodor Millon. Danach besteht eine transaktionale Beziehung zwischen der Disposition zur affektiven Dysregulation aufgrund eines hypersensitiven Nervensystems - das ist die biologische Konstante - und der Unfähigkeit, die Emotionen gegenüber der Außenwelt zu modulieren - das ist die soziale Konstante. Das Kernproblem der affektiven Dysregulation entwickelt sich umso mehr, wenn das hypersensitive Kind in bezug auf seine Umgebung keine Unterstützung erfährt. Linehan geht bei dem sozialen Entstehungsaspekt von einem invalidierenden Umfeld aus. Es ist ein Umfeld mit einer gewalttätigen Kommunikationserfahrung, häufig bestimmt von sexueller Gewalterfahrung und emotionaler Vernachlässigung. Die Familie, in der das Kind aufwächst, vermag nicht zu diskriminieren, was es gerade macht, und wieso es dies macht. In invalidierenden Familien sind Regeln vorherrschend wie: "kümmere Dich nicht um Deinen Schmerz, sei nicht unabhängig, sei nicht von uns verschieden, schaffe keine Probleme für irgendjemanden in und außerhalb der Familie". Durch das Zusammenwirken dieser biosozialen Faktoren kommt es zu einer Störung der affektiven Regulation, bei dem ein hypersensitives Nervensystem schon bei geringfügigen emotionalen Stimuli mit einem starken Erregungsanstieg reagiert, der mit einer unmittelbaren und sehr intensiven Reaktion einhergeht. Zusätzlich erfolgt ein sehr verlangsamter Erregungsrückgang, da die Emotionen, unterstützt von der kognitiven Feed-Back-Schleife, weiter angefeuert werden. Die Patientinnen bleiben in ihren Affekten stecken und laden sich sozusagen immer wieder neu auf. Die hohe Reaktivitätsrate schließt extreme Reaktionen ein. Ausschlaggebend ist dabei der dysregulierte psychophysiologische Spannungspegel, der zu einem extrem hohen Spannungsanstieg führt, welcher nicht mehr reguliert werden kann und somit zu einem Ausbruch drängt. Zur Spannungsregulierung greifen dann die Betroffenen häufig zu selbstverletzendem Verhalten, Suizidversuchen oder Dissoziationen. Der Registrierung und dem Abbau des hohen Erregungspegels wird in der Dialektisch-Behavioralen Therapie sehr viel Beachtung geschenkt.
Die Dialektisch-Behaviorale Therapie gliedert sich in drei Therapiephasen:
Es dient der Diagnostik, der psychopharmakologischen Abklärung bzw. Neueinstellung, der Aufklärung über die Erkrankung und der schriftlichen Therapievereinbarung für die DBT. Da Patienten/-innen mit einer Borderline-Störung in einem hohen Maße an sog. komorbiden weiteren psychiatrischen Erkrankungen leiden (z.B. Angsterkrankungen, Suchterkrankungen, anderen Persönlichkeitsstörungen), kommt der standardisierten Diagnostik eine große Bedeutung zu. Während der Therapie-Vorphase wird ebenso die biosoziale Theorie erläutert, nach der die Muster im Sinne dysfunktionaler Problemlösemuster bisher einen Sinn machten (s. Akzeptanz: Validierungsstrategie), jedoch nun durch die Arbeit der Patientin zu reduzieren sind (s. Veränderung: Konfrontationsstrategie). Somit ist nach Beendigung des Therapie-Vorstadiums klar, an welchen Problembereichen die Patienten/-innen zuerst arbeiten wird. Außerdem kann die eigentliche 12wöchige Therapie nicht beginnen, bevor die Patientin bzw. der Patient nicht folgenden Punkten des Therapievertrages zugestimmt hat. (Bitte beachten Sie, dass diese Regeln letztlich dazu dienen, dass sie gemeinsam mit dem Team sinnvoll an Ihrer Erkrankung arbeiten können!):
Die Station 5 ist in jeder Hinsicht gewaltfrei. Jede Form von Gewaltausübung bzw. Gewaltandrohung führt mindestens zu einer Therapiepause i. S. einer Entlassung von 1 Woche. Eine stationäre Wiederaufnahme nach dieser Zeit findet nur nach einem für beide Seiten klärenden Gespräch mit den Beteiligten statt.
Straftaten während des stationären Aufenthaltes führen entweder zu einer Therapiepause i. S. einer Entlassung von mindestens 2 Wochen oder zu einer Beendigung der Therapie.
Die Teilnahme an einer DBT-Gruppe erfordert einen klaren Kopf und nüchternen Verstand. Aus diesem Grund müssen Sie während der gesamten Behandlung auf Alkohol, Drogen und weitere betäubende Mittel verzichten. Regelmäßige Kontrollen unter Aufsicht zur Überprüfung der Abstinenz werden durchgeführt. Bei einem Drogen- oder Alkoholkonsum würden Sie für 7 Tage roten Ausgang erhalten. Bei einem erneuten Rückfall erfolgt eine 2wöchige Therapiepause, wobei Ihnen diese 2 Wochen von der Gesamtdauer Ihrer Therapiezeit abgezogen werden.
Um die notwendige Offenheit in der Gruppe zu garantieren, müssen Sie sich als Teilnehmerin dazu verpflichten, alle in der Stunde besprochenen Inhalte vertraulich zu behandeln.
Sollten Sie sich durch die Themen der Gruppe zu stark belastet fühlen, besteht jederzeit die Möglichkeit, einen Gesprächstermin mit jemandem aus dem therapeutischen Team zu vereinbaren.
Schwierigkeiten lassen sich nicht dadurch bewältigen, dass Sie vor ihnen weglaufen. Das Ziel Ihrer Behandlung besteht unter anderem darin, neue Problembewältigungsstrategien zu erwerben. Dazu ist es notwendig, dass Sie sich auch in den Therapien mit unangenehmen Situationen konfrontieren. Aus der Gruppe zu laufen, würde darüber hinaus eine aggressive Handlung gegenüber den anderen Gruppenteilnehmern/-innen bedeuten, da diese nicht mehr die Möglichkeit haben, die Situation konstruktiv mit mir zu klären. Wenn Sie die Gruppe trotzdem verlassen müssen, dann sollten Sie nach spätestens zehn Minuten zurück in die Gruppe kommen und kurz erklären, was zum Verlassen der Gruppe geführt hat. Bei dreimaligem unbegründeten Versäumen des therapeutischen Angebotes wird die stationäre Therapie für mindestens 1 Woche unterbrochen (Therapiepause).
Gespräche über Selbstverletzungen, Missbrauchserlebnisse und Suizidgedanken können bei Mitpatienten/-innen Unsicherheit und Überforderung auslösen. Daher müssen Sie sich dazu verpflichten, Gespräche über diese Themen nicht außerhalb der Therapien zu führen.
Suizidhandlungen oder Suizidfantasien stellen keine annehmbare Lösung Ihrer Lebensschwierigkeiten dar. Sie müssen sich deswegen dazu verpflichten, während der Behandlung keinen Suizidversuch zu unternehmen. Da eine akute Suizidgefährdung nicht mit den Zielen und vor allen den therapeutischen Belastungen durch die DBT vereinbar ist, wird bei einem Suizidversuch eine mindestens 2-wöchige Therapiepause ausgesprochen. Wenn Sie sich mit Suizidgedanken beschäftigen, müssen Sie die DBT-Gruppe und das therapeutische Team informieren.
Teilnehmer/-innen der DBT-Gruppe, die in suizidalen Situationen Mitpatienten/-innen um Hilfe bitten, sollten auch bereit sein, die Hilfe dieser Personen anzunehmen. Sie sollten nicht versuchen, kritische Situationen ohne therapeutische Hilfe zu bewältigen, damit Sie nicht selber in eine Überforderungssituation geraten. Anstatt dessen müssen Sie in jedem Fall das therapeutische Team über suizidale Situationen von Mitpatienten/-innen in Kenntnis setzen.
Ihre Behandlungszeit beträgt exakt 12 Wochen. Danach ist der jeweilige Therapieblock abgeschlossen. Bei einem eventuellen zweiten Durchlauf des DBT-Programms beträgt die Behandlungszeit 6 Wochen.
Das therapeutische Programm beinhaltet jeweils ein Gespräch (ca. 45 min) pro Woche mit meinem Therapeuten/-in und einem Co-Therapeuten/-in sowie einmal pro Woche eine Oberarztvisite. Dreimal pro Woche findet eine DBT-Gruppe (90 Minuten), einmal pro Woche eine Achtsamkeitsgruppe, einmal pro Woche eine Gesundheitsgruppe, einmal pro Woche eine Bezugsgruppe (alle Patienten/-innen einer DBT-Gruppe ohne Therapeut/-in), einmal pro Woche eine Basisgruppe (alle Patienten/-innen einer DBT-Gruppe mit dem Oberarzt), zweimal pro Woche Körpertherapie, zweimal pro Woche Laufgruppe, einmal pro Woche Ausflug (Kosten von ca. 10 ?), einmal pro Woche eine Kaffeerunde, einmal pro Woche eine Koch- und Backgruppe sowie täglich mittags eine Esstischgruppe statt. Zum therapeutischen Programm gehört weiterhin das Ausfüllen des Wochenbogens und des Essprotokolls.
Zwischen den einzelnen Behandlungsstunden ist die Durchführung von Übungen und Hausaufgaben vorgesehen. Bei deutlich therapiegefährdendem Verhalten (z.B. willentlicher Boykott der therapeutischen Maßnahmen; Behinderung der Gruppenarbeit; Versäumen des Programms; Brechen von Vereinbarungen; Verhalten, das andere Patienten/-innen schädigt; Nicht-Durchführen einer Verhaltensanalyse; Nicht-Aufsuchen der Therapeuten/-in oder Co-Therapeuten/-in vor dem Schneiden) muss eine Verhaltensanalyse durchgeführt werden. Falls erforderlich, kann ich mir hierzu Hilfe bei den Co-Therapeuten/-in holen. Bei dreimaligem unbegründeten Versäumen des therapeutischen Angebotes wird die stationäre Therapie unterbrochen (Therapiepause). Ein Wechsel des Therapeuten/-in bzw. Co-Therapeuten/-in ist während des Behandlungszeitraumes nicht vorgesehen.
Die DBT-Behandlung ist eine individuelle Behandlung innerhalb einer Gruppe. Emotional zu enge Beziehungen (sexueller oder platonischer Art) führen zur Bildung einer Untergruppe in der Gruppe und stören damit das Zusammengehörigkeitsgefühl der gesamten DBT-Gruppe. Aus diesem Grund können Paare an der Behandlung nicht gemeinsam teilnehmen. In diesem Fall wäre die Entlassung und spätere Wiederaufnahme einer der beiden Patienten/-innen erforderlich ist.
Während der Behandlung können mehrfach Videoaufnahmen durchgeführt werden, die ausschließlich der Fortbildung von Therapeuten/-innen und Co-Therapeuten/-innen dienen. Zu Fortbildungszwecken wird es auch vorkommen, dass Therapeuten/-innen oder Co-Therapeuten/-innen an der DBT-Gruppe beobachtend teilnehmen werden. Die Beobachter stellen sich zuvor den Teilnehmern/-innen der DBT-Gruppe vor.
Für die Dauer des gesamten Aufenthaltes haben Sie einmalig die Möglichkeit eines Nachturlaubes. Wir empfehlen grundsätzlich, dass Sie diesen Nachturlaub zur Belastungserprobung am Ende der Therapie nutzen.
Bei schweren und/oder wiederholten Verletzungen der oben genannten Regeln kann das Team eine Therapiepause aussprechen, die zu einer vorübergehenden Entlassung führt. Diese Therapiepause kann von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten gehen und wird von der Gesamtzeit der Behandlung abgezogen.
Wir sind eine Universitätsklinik und damit sowohl an der Forschung interessiert als auch dazu verpflichtet. Auch das Team der Station 5 hat einen universitären Auftrag zur Erforschung von psychischen Erkrankungen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass Sie auf die Teilnahme an wissenschaftlichen Projekten angesprochen werden. Sie sollten aber auch wissen, dass Sie zu keiner Teilnahme an diesen wissenschaftlichen Projekten verpflichtet sind.
Während dieser Therapiephase soll vor allem die emotionale Belastbarkeit erhöht werden. Hierbei werden viele Fertigkeiten (sog. Skills) in einem Fertigkeitentraining (sog. DBT-Gruppe) vermittelt. Zu ihnen gehören maßgeblich die Skills, die dazu dienen sollen, die eigenen Affekte und Spannungszustände besser zu verstehen, die Vulnerabilität (Verletzbarkeit) für die einschießenden Affekte und Spannungszustände stark zu reduzieren und letztlich selbstschädigende Verhaltensmuster wie z.B. Selbsttötungsgedanken bzw. -impulse und Selbstverletzungen aufzugeben.
Hierzu gehört zunächst natürlich maßgeblich die Beseitigung externer Faktoren, die eine unkontrollierte Aktivierung von traumatischen Erinnerungen begünstigen. Es gilt, Retraumatisierungen durch sexuellen Missbrauch zu verhindern. Es ist dafür zu sorgen, dass die wohnungslose Patientin erst mal eine Wohnung beziehen kann, dass sie ihr High-Risk-Verhalten aufgibt usw.. Diese Strukturierung der sozialen Umwelt zur Erlangung einer äußerlichen Stabilität ist von Anfang an sehr wichtig. In der DBT wird daher von Anbeginn darauf eingegangen, wie die Klientin bei Konflikten mit dem sozialen Umfeld besser umgehen kann und entsprechende Verhaltensweisen trainiert (insbesondere im Fertigkeitenmodul "Zwischenmenschliche Fertigkeiten").
In der Einzel- und Gruppentherapie wird zu jedem Zeitpunkt an den Verhaltensweisen gearbeitet, die für die betroffene Patientin bzw. Patienten am gefährlichsten ist. An oberster Stelle stehen suizidales und parasuizidales sowie selbstschädigendes Verhalten, gefolgt von therapiegefährdendem Verhalten, gefolgt von Beeinträchtigungen der Lebensqualität und der Verbesserung von Verhaltensfertigkeiten. Therapiegefährdendes Verhalten (z.B. aus der Therapie weglaufen, sich in der Therapie passiv zu verhalten, keine Hausaufgaben zu machen, in der Stunde dissoziieren, Therapiesitzungen versäumen, Therapeuten/-innen attackieren) wird von den Therapeuten/-innen in der DBT grundsätzlich nicht ignoriert. Die Basis-Regel dabei lautet: Um effektiv zu arbeiten, kann der Klient/-in nicht die vom Therapeuten gesetzten Regeln und Grenzen übergehen. Der Therapeut geht dabei nicht verurteilend vor, sondern behandelt therapiestörendes Verhalten wie auch dysfunktionales Verhalten und deren negative Konsequenzen als Tatsache. Die Verhaltensanalyse (VA) bildet dabei das wichtigste Handwerkszeug. Die Verhaltenskette plus das Wochenprotokoll bzgl. der jeweils dysfunktionalen Muster beginnt mit der ersten Sitzung. Erst über sie kann eine Fallformulierung erfolgen. Durch eine VA sollen die Betroffenen lernen, Einsicht in den Spannungsaufbau zu erhalten und das im Fertigkeitentraining Gelernte in Handlungspläne einzubauen. Es wird gemeinsam erarbeitet, worin die auslösenden Faktoren und worin die Konsequenzen bestehen. Alleine die genaue Einsicht in die Entstehung von extremen affektiven Spannungszuständen bzw. den korrespondierenden Verhaltensweisen wie z.B. Suizidalität oder Selbstverletzung ist schon ein wichtiger Schritt zur Distanzierung von diesen Verhaltensweisen und die Grundvoraussetzung für therapeutische Veränderungen.
Entsprechend dem dialektischen Vorgehen ist es wichtig, der Klientin/-en durch die sofortige Teilnahme am Fertigkeitentraining viele Fertigkeiten und damit frühzeitig Selbstwirksamkeitserfahrungen zu vermitteln. Gleichzeitig ist es notwendig, sehr achtsam und validierend auf die affektive Dysregulation einzugehen, d.h. die Not der Patientin bzw. des Patienten auch wahrzunehmen.
Eine wichtige Rolle im Umgang mit den therapeutischen Grenzen spielt auch die Teamsupervision bzw. die Teamintervision. Die Teamsupervision ist notwendig, um den demoralisierenden Tendenzen beim Therapeuten entgegenzuwirken. Ohne Team-Unterstützung würde sich schnell ein Burn-Out beim Therapeuten einstellen. In der Teamsupervision wird außerdem auf therapiegefährdendes Verhalten beim Therapeuten (fehlendes Ausbalancieren therapeutischer Strategien, defensives Verhalten etc.) aufmerksam gemacht.
Das Fertigkeitentraining (sog. Skillstraining) wird drei Mal wöchentlich in einer DBT-Gruppe parallel zur Einzeltherapie durchgeführt. Das Skillstraining besteht aus einem manualisierten halbstandardisierten Trainings-Manual. Es beinhaltet die vier Module: 1. die Innere Achtsamkeit (dem Zen angelehnt), 2. bewusster Umgang mit Gefühlen, 3. Stresstoleranzfertigkeiten und 4. zwischenmenschliche Fertigkeiten. Die Module nehmen jeweils ca. 2-3 Wochen à 3 Gruppensitzungen von 90 Min. in Anspruch und profitieren in erheblichem Ausmaß von der aktiven Mitarbeit der Patientinnen/en einerseits während der Gruppe als auch außerhalb der Gruppe. Es kann gar nicht genug betont werden, dass der eigentliche Fortschritt in der Therapie zu einem großen Teil in der oftmals anstrengenden Einübung, also dem Training der in der Gruppe und der Einzeltherapie gelernten Fertigkeiten bzw. Verhaltensänderungen besteht. Die Patientinnen führen insbesondere deshalb ihre wöchentlichen Übungen zu den jeweiligen Arbeitsblättern durch, die sie in einem Wochenprotokoll eintragen.
Fertigkeiten zur Steigerung der inneren Achtsamkeit haben eine zentrale Bedeutung in der DBT und werden daher als erstes vermittelt. Diese Übungen beruhen auf der Praxis des Zen und östlichen Meditationspraktiken und haben zum wesentlichen Ziel, sich bewusst auf eine Sinneswahrnehmung in der Gegenwart zu konzentrieren (z.B. Alltagsgeräusche, Farben der Umgebung, Tasten von Materialien usw.) und keinerlei Bewertung der Wahrnehmung zu unternehmen. Zu den Übungen gehören die Was-Fertigkeiten der inneren Achtsamkeit: Beobachten, Beschreiben, Teilnehmen, die mit den Wie-Fertigkeiten, wirkungsvoll, konzentriert, nichtbewertend, kombiniert werden. Insgesamt ist die Innere Achtsamkeit ein Weg, um Gefühl und Verstand in ein Gleichgewicht zu bringen, um den Augenblick wahrzunehmen, belastende nicht-effiziente Gedanken an Vergangenheit und/oder Gegenwart abzuschalten und um die dysfunktionalen emotionsabhängigen Verhaltensreaktionen zu reduzieren.
In diesem Modul werden spezifische Fertigkeiten für einen bewussten Umgang mit Gefühlen vermittelt. Ziel dieses Moduls ist es, die eigenen Gefühle zu verstehen. Die Patienten/-innen üben ein, ihre Gefühle zu identifizieren und deren Funktionen im kommunikativen Kontext zu analysieren, die emotionale Verwundbarkeit zu verringern, positive Emotionen für sich häufiger erfahrbar zu machen und das eigene emotionale Leiden zu vermindern. Ein Skill betrifft z.B. das Verändern von Gefühlen durch entgegengesetztes Handeln zu Ärger, Angst, Scham, Traurigkeit und Schuldgefühl.
Die Fertigkeiten zur Stresstoleranz sind eine Fortsetzung der Fertigkeiten zur Steigerung der Inneren Achtsamkeit. Bei den dazugehörigen Übungen spielt das Annehmen und Ertragen von Belastungen und deren Sinnfindung eine große Rolle. Ziel bei der Aneignung von Stresstoleranzfertigkeiten ist es, die Fähigkeit zu erwerben, Krisen auszuhalten und zu überleben sowie die Fähigkeit, das Leben anzunehmen, wie es im Augenblick ist. Übungsbeispiele sind: Radikale Akzeptanz, Bereitschaft (kommt aus dem spirituellen Bereich und stellt das Gegenteil von Wollen/Willfullness dar). Bewährte Fertigkeiten zur Kontrolle dissoziativer Zustände sind z.B.: Fishermans friend kauen, an Ammoniak riechen, oder Eis in die Hand nehmen. In einem individuell zusammengestellten Notfallkoffer übt die Klientin im Alltag ein, ihre eigenen Stresstoleranzstrategien ggf. zu aktivieren.
Sollten Sie weitere Fragen haben, dann wenden Sie Sich bitte an:
Oberarzt Dr. Stefan Röpke